Die Psychologie der Verschwörungs-Theorie

Unsere Forschungsphilosophie

Manche Verschwörungstheorien sind gefährlich. Andere warnen vor echten Gefahren. Pauschale Urteile bringen uns also nicht weiter. Wir wollen deshalb unvereingenommen  und kritisch forschen.

Unsere Philosophie

Am Anfang war die Verschwörungstheorie

In unserem Buch „Am Anfang war die Verschwörungstheorie“, erschienen 2017 bei Springer, betrachten wir Relevanz, Faszination und Gefahren dieses Phänomens aus psychologischer Perspektive.

Über unser Buch

Forschung auf internationalem Niveau

Seit 2013 forschen wir am Thema Verschwörungstheorien, stellen unsere Arbeiten auf Konferenzen vor uns publizieren in internationalen Fachzeitschriften. Hier finden Sie eine Auswahl dieser Texte.

Unsere Fachbeiträge

Unsere Forschungs-Philosophie

Wir sind Forscher, größtenteils am am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, und widmen uns seit mehreren Jahren dem Forschungsgegenstand „Verschwörungstheorie“.  Dieses Thema macht es uns Psychologen nicht leicht.

Manche Theorien sind brandgefährlich, weil sie gegen Minderheiten hetzen. Antisemitische — und in jüngster Zeit auch antiislamsiche — Theorien konstruieren mit meist haarsträubenden Behauptungen „Weltverschwörungen“ und liefern so einen Vorwand zur Verfolgung der Minderheit.

Die andere Seite ist aber: Manche Theorien benennen tatsächliche Verschwörungen. Totalüberwachung? Autokonzerne, die vorsätzlich betrügen? Waffenlieferungen an totalitäre Regieme? Gepanschte Krebsmedikamente? Immer wieder erfahren wir von Gruppen von Menschen (das können die Mitarbeiter einer Apotheke sein, aber auch ein Zusammenschluss der wichtigsten westlichen Geheimdienste mit ihren Regierungen), die im Geheimen am Werk sind. Bei den großen wirtschaftlichen und politischen Skandalen gibt es meist schon Jahre vor dem offiziellen „Auffliegen“ der Affäre Menschen, die Indizien und Dokumente gesammelt haben und die schon lange öffentlich gewarnt haben. Nur hat ihnen niemand zugehört. 

Eine naive Verteidigung von Verschwörungstheorien und Verschwörungstheoretikern wäre also falsch. Eine pauschale Ablehnung ebenso. Man muss schon genauer hinschauen und sowohl die Theorien als auch die Menschen, die an sie glauben, unvoreingenommen betrachten. Als Psychologen wollen wir dann verstehen, wann Menschen zu Verschwörungs-Erklärungen neigen. Welche Gedanken und Gefühle da im Spiel sind. Und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede all die Verschwörungstheorie-Spielarten auszeichnen. Unvoreingenommen und kritisch zugleich stellen wir uns dem Phänomen.

In den vergangenen Jahren hat die psychologische Forschung zu diesem Thema Fahrt aufgenommen. Aber es gibt noch vieles, das wir nicht wissen. Langweilig wird uns also nicht.


„Das Vorgefundene einfach hinzunehmen, wie es ist; auch wenn es ungewohnt, unerwartet, unlogisch, widersinnig erscheint und unbezweifelten Annahmen oder vertrauten Gedankengängen widerspricht. Die Dinge selbst sprechen zu lassen, ohne Seitenblicke auf Bekanntes, früher Gelerntes, ‚Selbstverständliches‘, auf inhaltliches Wissen, Forderungen der Logik, Voreingenommenheiten des Sprachgebrauchs und Lücken des Wortschatzes. Der Sache mit Ehrfurcht und Liebe gegenüberzutreten, Zweifel und Mißtrauen aber gegebenenfalls zunächst vor allem gegen die Voraussetzungen und Begriffe zu richten, mit denen man das Gegebene bis dahin zu fassen suchte.“

Phänomenologisches Postulat von Wolfgang Metzger, „Psychologie“, 1954

Unser Buch: Am Anfang war die Verschwörungstheorie

Verschwörungstheorien sind so alt wie die Menscheit. Das Lösen verborgener Rätsel ist ein psychologisches Grundbedürfnis. In unserem Buch „Am Anfang war die Verschwörungstheorie“, erschienen 2017 bei Springer, betrachten wir Relevanz, Faszination und Gefahren dieses Phänomens aus psychologischer Perspektive.

Verschwörungstheorien psychologisch zu ergründen ist wichtig: Wir finden dieses Phänomen seit dem Beginn menschlicher Kultur. Oft sind sie fiktional, basieren manchmal aber auch auf realen Fakten. Angeblich bewachen Templerritter den heiligen Gral und Reptilienwesen kontrollieren die Welt; aber unsere gesamte digitale Kommunikation wird wahrscheinlich tatsächlich überwacht. Oft sind diese Theorien gefährlich und hetzerisch, andere fordern aktives Eintreten für Demokratie und Menschenrechte.

Die Verschwörungstheorie gibt es nicht und auch nicht die Verschwörungstheoretiker. Psychologische Grundmechanismen wie das Vergnügen an „guten Geschichten“, am Rätsellösen und der Wunsch nach Selbsterkenntnis spielen eine Rolle. Dieses Buch erklärt die Hintergründe und zeigt, wie man besser und souveräner auf Verschwörungstheorien reagiert, aber auch, was den Reiz von Verschwörungstheorien ausmacht.

Erhältlich im Buchhandel oder direkt bei Springer, als Buch oder eBook

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Die Fachbeiträge unserer Forschungs-Gruppe

Psychologische Forschung beruht oft auf reinen Fragebogenstudien. So wertvoll diese Forschungsmethode auch sein kann: Bei einem dynamischen und vielgestaltigen Phänomen wie dem Glauben an Verschwörungstheorien stoßen wir damit schnell an Grenzen. Deshalb versuchen wir, neue Methoden zu entwickeln, beispielswiese die Methode der Narrative Konstruktion. Menschen werden hier als aktive „Verarbeiter“ von Information gesehen. Auch versuchen wir, günstige Gelegenheiten — wie die FIFA-Korruptionsaffäre 2015 — sofort für unsere Forschung aufzugreifen. Neben der laufenden Forschung schreiben wir derzeit zwei Fachbuch-Kapitel — für einem deutschsprachigen sowie einem internationalen Sammelband.

30 Shades of Truth

Verschwörungstheorien sind kein Nischenphänomen. Fast jeder Mensch neigt dazu, für bedeutsame Ereignisse Erklärungen zu entwerfen, in denen (zunächst) verborgene Akteure eine wichtige Rolle spielen. Aus unserer Sicht ist das kein pathologisches Phänomen per se: Solange es echte Verschwörungen gibt, haben Verschwörungstheorien ihren Platz im gesellschaftlichen Diskurs. Die Kunst ist der vernünftige Umgang mit diesen Theorien — dazu brauchen wir weniger Pauschalurteile und mehr kritisches Denken! 

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The Sarrazin Effect

Echokammern und Filterblasen sind heute geflügelte Worte. Schon im Jahr 2013 haben wir gezeigt, dass es nicht einmal social media und Internetforen benötigt, damit Menschen in ihren politische Ansichten extremer werden. Die verfügbare Information verändert (ohne dass wir es bemerken) die Menge der Fakten, die wir für plausibel halten. Um dieses dynamische Phänomen zu erforschen und ins Labor zu holen, haben wir eine neue Methode entwickelt: die Methode der Narrativen Konstruktion.

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Conspiracy Formation is in the Detail:
On the Interaction of Conspiratorial Predispositions and Semantic Cues

Wann entwickeln Menschen Verschwörungstheorien? Als die Ermittlungen der US-Staatsanwaltschaft gegen die FIFA publik wurden, haben wir innerhalb weniger Stunden eine komplexe Studie entworfen und durchgeführt. Das Thema war neu in den Medien, und Verschwörungstheorien über die „wahren“ Motive der USA waren noch kein Allgemeinwissen. So konnten wir zeigen, dass Menschen nicht einfach so zu einem neuen Thema Verschwörungsgedanken entwickeln. Erst wenn einem Akteur Vorsatz und eine direkte Absicht unterstellt werden, kommen Menschen offenbar ins Grübeln: Könnte da doch mehr dahinterstecken als es uns die Nachrichten vermitteln wollen?

Weitere Information und Abstract

Manipulation, Exaggeration and Conspiracy. Experimental Approaches to a Better Understanding of the Belief in Conspiracy Theories.

Harmlos? Gefährlich? Ein Randphänomen? Oder manchmal auch wertvoll in der politischen Debatte? Verschwörungstheorien entziehen sich einer pauschalen Beurteilung: Nicht die Erzählform Verschwörungstheorie sollte uns zu einem Urteil veranlassen; wir müssen uns, für jede Theorie aufs neue, mit dem Inhalt auseinandersetzen. Das ist anstrengend, aber lohnenswert. Diese Doktorarbeit plädiert für einen Diskurs, der sich nicht auf Grundsatzbetrachtungen und einfache Deutungen beschränkt. Das erfordert eine Sichtweise, die ausgehend von der Psychologie auch die Philosophie zur Theoriebildung heranzieht — und dabei das Phänomen nicht aus den Augen verliert.

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Treffen Sie uns bei
Diskussionen und Vorträgen

Wir sind der Meinung: Forschung muss sich der öffentlichen Diskussion stellen. Bei öffentlichen Vorträgen und Kongressen — beispielsweise der Vortragsreihe „Von Sinnen“ im Planetarium Nürnberg oder dem Deutschen Humanistentag 2017 — haben wir uns präsentiert. Der nächste bestätigte Vortrag ist auf der SkepKon 2018 (10. bis 12. Mai) in Köln.

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Dr. Marius Raab
Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie
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